- Kurz vor Beginn des Prozesses am Amtsgericht Eilenburg filmen und fotografieren etliche Reporter im Gerichtssaal - hinten Richter Peter Gottschaldt (42), rechts auf der Anklagebank der frühere Feuerwehrmann Ray Lange (55) aus Taucha.
- Um dieses Blitzerfoto vom 7. Mai 2025 (15.27 Uhr) geht´s: Ray Lange (55) aus Taucha (Nordsachsen), der 34 Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr war und auch hauptberuflich Rettungsfahrzeuge fährt, wurde in einer Baustelle mit überhöhter Geschwindigkeit gelasert.
- Der frühere Feuerwehrmann Ray Lange (55) am Dienstag vor dem Amtsgericht Eilenburg ...
- ... kurze Zeit später nahm er auf der Anklagebank Platz.
- Sein früherer Wehrleiter Cliff Winkler war - wie etwa 50 andere Feuerwehrleute - auch zum Prozess gekommen. Er zog nach dem Blitzerfoto auch Konsequenzen und trat aus Protest von seinem Amt als Wehrleiter zurück.
Feuerwehrmann freigesprochen: „Das tut weh, was da mit mir gemacht wurde!“
So viele Feuerwehrleute waren vermutlich noch nie gleichzeitig im Amtsgericht Eilenburg. In Saal 109 wurde dort am Dienstagvormittag der Fall um das Blitzerfoto von Ray Lange (55) aus Taucha verhandelt. Zahlreiche Kameraden aus der Region kamen in voller Montur zu seiner Unterstützung. Richter Peter Gottschaldt (42) erklärte schmunzelnd dazu: „Das sind mehr Anwesende bei einem Bußgeldverfahren als sonst üblich.“ Am Ende sprach er den Mann frei.
Darum ging´s
Lange sollte 340 Euro Bußgeld (plus Bearbeitungsgebühr) dafür zahlen, dass er im Drehleiterfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn auf dem Weg zu einem mutmaßlichen Brand mit 72 km/h in einer Baustelle (in Taucha) von Mitarbeitern des hiesigen Ordnungsamtes gelasert worden war. Und hätte noch 2 Punkte in Flensburg plus ein Monat Fahrverbot bekommen. Erlaubt waren dort laut aufgestellten Schildern nämlich nur 30. Damit wäre er 39 km/h zu schnell gewesen.
Viel zu viel trotz Blaulicht-Einsatz, fanden die Mitarbeiter des Ordnungsamtes in Taucha. Und auch Bürgermeister Tobias Meier erklärte uns damals am Telefon, dass das in Ordnung so sei, weil der Feuerwehrmann damit den Verkehr gefährden würde. Lange trat daraufhin nach 34 Jahren aus der Feuerwehr aus und legte Einspruch ein. Dazu muss man wissen, dass er auch beruflich als Rettungssanitäter täglich mit Blaulicht unterwegs ist. Also ein mehr als routinierter Fahrer ist.
Bürgermeister, Staatsanwaltschaft und sonstige Vertreter der Stadt Taucha kamen nicht zu dem Prozess. Wohlwissend, dass sie hier mehrere fatale Fehler gemacht und viele Ehrenamtler vor den Kopf gestoßen hatten. Lange betonte erneut, dass bei seiner Geschwindigkeitsübertretung alles frei gewesen sei und er niemanden gefährdet habe. Der Richter schaute sich alles mit Fotos von der Stelle ganz genau an - und präsentierte diese auch den vielen Zuschauern.
Verkehrsbehörde macht peinlichem Fehler
Schließlich sorgte Gottschaldt für Schmunzler: Er hatte vor dem Prozess kurzerhand selbst recherchiert - und zwar besser als die Verteidigung. Er fand heraus, dass das vor der Baustelle aufgestellte 30er-Schild rechtlich unzulässig war. Für die Baustelle war von den Behörden ein sogenannter Verkehrszeichenplan aufgestellt worden. Das ist immer erforderlich.
In dem Plan war die Baustelle in drei Abschnitte aufgeteilt worden. In jeder gab es andere Sperrungen und Beschilderungen. Allerdings: Im zweiten Abschnitt, und genau in dieser Zeit wurde Lange geblitzt, fehlte das 30er-Schild auf dem Verkehrszeichenplan. Damit fehle die rechtliche Grundlage und das aufgestellte Schild sei ungültig, so der Richter. Dadurch reduzierte sich der Verkehrsverstoß von 39 km/h zu viel auf nur noch 19 zu viel.
„Damit ist die Geschwindigkeitsüberschreitung in dem Fall gerechtfertigt“, erklärte Gottschaldt. Bei 39 hätte er vermutlich auch nur eine Strafe von 55 Euro ohne Punkte und Fahrverbot verhängt. Er hatte sich auch verschiedene andere Fälle mit Rettungskräften angeschaut. So einen Fall mit Fahrverbot für einen Feuerwehrmann habe es noch nirgendwo gegeben.
Kurz vor dem Freispruch erklärte Lange in seinem Schlusswort, den Tränen nah: „34 Jahre Feuerwehr, das tut weh, was man da mit mir gemacht wurde.“ Nach dem Freispruch: „Mir fehlt ein riesiger Stein von der Seele.“ Er habe in seinem Leben noch nie vor Gericht gestanden.
„Tauchas Bürgermeister wollte mich erpressen.“
Eine Rückkehr in die Freiwillige Feuerwehr von Taucha könne er sich nicht vorstellen - und erhebt schwere Vorwürfe: „Ich werde nicht für ein Stadtoberhaupt arbeiten, dass mich mit einer Spende erpressen wollte. Und auch nicht für einen Ordnungsamtschef, der das Ganze so durchzieht und mir gesagt hat: ´Weil du das bist, müssen wir das jetzt so durchziehen´. Tauchas Bürgermeister Tobias Meier hatte damals angeboten, den Verstoß gegen eine fette Spende von 350 Euro fallen zu lassen.
Der Bußgeldbescheid gefährdet womöglich viele Leben
Die Wut auf Tauchas Stadtverwaltung ist groß. Vielen Feuerwehrleuten, die die Verhandlung als Zuschauer verfolgten, fiel nach dem Freispruch ein Stein vom Herzen. Denn eine Verurteilung hätte bedeutet, dass künftig die meisten Rettungskräfte noch viel stärker auf ihre Geschwindigkeit achten, dadurch azcg später zu Einsätzen kommen und Leben gefährdet werden.
Denn oft zählt jede Minute. Und genau die fehlt vielleicht nun manchmal trotzdem. Denn: Auf Nachfrage haben uns mehrere Feuerwehrleute erklärt, dass sie seit dem Vorfall und auch nach dem Prozess künftig viel langsamer fahren würden bzw. fahren werden - um keinen Strafzettel zu bekommen. Die Stadtverwaltung Taucha hat damit (trotz ihrer Niederlage vor Gericht) etwas ausgelöst, was ihr sicher viele noch ganz lange übel nehmen werden …




