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Die Tore der Welt (12 CDs)
18 lange Jahre hat Ken Folletts nicht eben kleine Fan-Gemeinde auf eine
Fortsetzung seines Bestsellers Die Säulen der Erde warten müssen.
Lange hat sich der Autor geziert, bis er dem Bitten des Publikums und der
Verlage endlich nachgab und sich für einen Vorschuss von immerhin 49
Millionen Euro an die Arbeit machte. Und schon nach ein paar der
stattlichen 1.300 Seiten von Die Tore der Welt weiß man: Für die
Verlage hat sich dieser Vertrauensbonus ebenso gelohnt wie für die Leser
das Warten. 200 Jahre sind in im südenglischen Kingsbridge vergangen,
wo Follett seine Geschichte auch diesmal angesiedelt hat. Im Mittelpunkt
der Geschichte stehen die Nachfahren der Helden von einst. Entlang ihrer
Schicksale führt uns der Autor, der sich bei seinen Recherchen von gleich
drei Historikern zuarbeiten ließ, ausgesprochen kundig durch die Welt des
14. Jahrhunderts: Durch Caris, die der Verbrennung als Hexe durch den
Eintritt in ein Kloster entkommt, lernen wir Manches über die Pest und die
mittelalterliche Medizin. Mit der Baukunst der Zeit macht uns der Architekt
Merthin, Caris` Geliebter, vertraut. Auch den Gegensatz zwischen einem
ebenso selbstsüchtigen wie hemmungslosen Adel auf der einen und der Masse
der besitzlosen Leibeigenen auf der anderen Seite führt uns der Autor mit
großer Souveränität in seiner gewohnt schnörkellos-direkten Sprache anhand
persönlicher Schicksale vor Augen: ein Sog, dem man sich kaum entziehen
kann... Gewiss: In Wahrheit hat es wohl keine beinahe verbrannte Hexe
zur Leiterin eines Nonnen- und erst recht keines Mönchsklosters bringen
können. Und überhaupt muss man natürlich davor warnen, seine historische
Bildung nur aus historischen Romanen zu beziehen: Dennoch: Die Tore der
Welt ist eine nicht nur spannende, sondern sehr wohl auch historische
lehrreiche Lektüre. -- Alexander Dohnberg, Literaturanzeiger.de
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Der weiße Neger Wumbaba. CD
Kinder können nicht zuhören. Und wenn sie es tun, dann schlägt ihnen die
Phantasie oft ein Schnippchen, das sie -- oft bis zum Tod -- mit falschen
Liedtexten leben lässt. Denn vor allem Kinder sind grausame Verhörer - so
wie Frau J. aus Stephanskirchen, die als junges Mädchen felsenfest davon
überzeugt war, dass der eigentlich klischeehafte Satz eines mittelmäßigen
Seemannslieds (Stürmisch die Nacht und die See geht hoch)
tatsächlich Stürmisch die Nacht und die Säge tobt laute. Für
den Münchner Autor und Kolumnisten Axel Hacke sind diese Verhörer von
teils schrecklicher Schönheit die eigentliche Quelle unerschöpflicher
Poesie: Der Verhörende schafft sich gewissermaßen aus der
Unverständlichkeit der Welt heraus einen eigenen Kosmos, ein Beweis für
die kindlich-dichterische Kraft, die vielen von uns innewohnt, ohne dass
wir eigentlich etwas von ihr ahnen, heißt es in dem von Michael Sowa
wieder einmal kongenial illustrierten Buch Der weiße Neger Wumbaba.
Hackes Meinung nach haben Liedtexter gar die Aufgabe, zum Fehlhören zu
animieren. In seiner Kolumne Das beste aus meinem Leben für
die Süddeutsche Zeitung erwähnte Hacke einmal einige schöne Exempel für
die Freudschen Fehler des Gehörs -- mit der Folge, dass ihn immer neue
Zuschriften seiner Leser ereilten, darunter die wirklich überzeugende
Umdichtung des Evergreens Der Mond ist aufgegangen von Matthias
Claudius, dessen vertonte Gedichtzeilen und aus den Wiesen steiget /
der weiße Nebel wunderbar das Gehirn eines Musikenthusiasten
folgendermaßen verwandelte: und aus den Wiesen steiget / der weiße
Neger Wumbaba. Dieses ungleich größere Zitat ziert nun als Titel ein
Buch, die Hackes Originalkolumne sowie seine zahlreichen Nachfolger
versammelt. Selbst wenn man sich bei manchen der eingesandten Verhörern
etwas ohrenreibend fragt, wie das Hirn derlei phonetisch-semantische
Kapriolen zustande bringt, so ist Der weiße Neger Wumbaba doch der
beste Beweis für die im Buch aufgestellte These, dass die besseren
Liedtexte in den Köpfen der Hörer entstehen. Und das ist auf
zauberhafte Weise sicher war. -- Thomas Köster
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Das Beste aus meinem Leben. CD. (Hörkunst bei Kunstmann)
Das wahnwitzigste aller ganz normalen Leben -- das führt ohne jeden
Zweifel Axel Hacke. Zumindest lassen seine Kolumnen das vermuten, mit
denen er uns seit Jahren wöchentlich die Seiten des Magazins der
Süddeutschen Zeitung vor Lachen voll weinen lässt und so in beste
Wochenendlaune bringt. Denn wie schräg, nervtötend und unglaublich die von
ihm geschilderten Geschehnisse auch sind: Immer ist es das echte Leben mit
seinen Ärgernissen, Mühen und Stolpersteinen, die wir alle nur zu gut
kennen und die uns so zermürben -- der "Genau!"-Faktor ist hoch, voll das
Leben eben. Das komische Potenzial in ganz gewöhnlichen, alltäglichen
Situationen zu entdecken, ihnen skurrile Seiten abzugewinnen, das
Geschehen im Rahmen der gerade noch denkbaren Glaubwürdigkeit zuzuspitzen
und das Ganze dann mit hoher Pointendichte zu schildern -- das ist Hackes
Kunst, und die beherrscht er meisterhaft. Was er in seinem Mikrokosmos
(der im Wesentlichen aus seiner Frau Paola, seinem kleinen Sohn Luis und
seinem väterlichen Freund Bosch, dem stets ein tröstendes Bier
bereithaltenden Kühlschrank, besteht) geschehen lässt, ist zum Brüllen
komisch, gerade weil es so vertraut und wahr ist. Der neueste
Sammelband mit Hackes SZ-Kolumnen nennt sich ein Best Of der letzten
Jahre, was gut klingt, aber im Grunde nur mühsam die Tatsache kaschiert,
dass die hier versammelten Kolumnen zu einem großen Teil drittverwertet
werden: Weit über die Hälfte der Texte war schon in dem ein oder anderen
früheren Hacke-Buch zu lesen. Doch das soll nicht stören: Wer Hackes
vorherige Bücher nicht besitzt, findet hier die besten und essenziellsten
Kolumnen auf einem Fleck, und wer hackesüchtig ist (wie kann man das
eigentlich nicht sein?), wird sowieso mit Freude und Gier zugreifen und
sich einmal mehr ein paar vergnügliche Abende mit dieser geballten Ladung
Skurrilität machen. --Christoph Nettersheim
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Antonio im Wunderland. 4 CDs
Jan Weilers Antonio im Wunderland beginnt wie eine Kolumne von Max
Goldt. "Hollywoodschaukeln gehören zu den Dingen, die nicht in Würde
altern können", kann man da lesen, und das ist vom nostalgischen Inventar
des heute kaum noch populären Abhänginstruments ebenso wie von der darauf
folgenden Verknüpfung ein Satz von jener Qualität, den man eigentlich in
Goldts Büchern erwartet hätte: Einer, der in Würde altern kann, sei
Jean-Paul Belmondo, behauptet Weilers Erzähler: "Der Unterschied zwischen
einer Hollywoodschaukel und Jean-Paul Belmondo besteht darin, dass die
Hollywoodschaukel die meiste Zeit draußen steht und rostet, während
Jean-Paul Belmondo vermutlich reingeht, wenn es anfängt zu regnen". Aber
darum geht es gar nicht. Es geht um einen italienischen Gastarbeiter
mit dem süßlichen Namen Antonio Marcipane, von dem sich im Roman erst noch
herausstellen muss, ob er der Hollywoodschaukel oder doch eher Jean-Paul
Belmondo gleicht. Marcipane ist in die Jahre gekommen und blickt von eben
jenem aus der Mode gekommenen Abhänginstrument im Garten seines
Reiheneckhauses auf sein Leben als Gastarbeiter in Deutschland zurück.
Seit Kindertagen zieht es Marcipane nach Amerika: Nun soll der Traum
endlich Wirklichkeit werden. Und dann wandelt sich der Trip, den der
Italiener mit seinem Sohn unternimmt, noch zur Rettungsaktion, bei dem ein
Stararchitekt und ein italienisches Städtchen eine besondere Rolle spielen
... Der 37-jährige Münchner Autor Jan Weiler kommt aus der Werbung
und vom Journalismus. Das merkte man schon seinem zum Bestseller
avanciertem Debütroman Maria, ihm schmeckt's nicht -- immerhin dem
erfolgreichsten Erstling der letzten Jahre -- beizeiten etwas an. Auch
Antonio im Wunderland kann sich bisweilen nicht ganz entscheiden,
ob er plakativ-reißerisches Essay oder witzig geschriebene Fiktion sein
will. Da letzteres überwiegt, will man Weiler ersteres gern verzeihen.
Denn bei der Lektüre von Antonio im Wunderland kann man sich
bestens amüsieren. Anders als bei Goldt, aber das ist ja auch gut.
--Thomas Köster
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Familienpackung. Sonderausgabe
Über Frauen mit zwei Kindern, die in Reihenhaussiedlungen wohnen und
die drei großen Ks -- Kinder, Küche und Karriere -- mit den drei
großen S' -- Spaß, Spitzenfigur und Supersex -- unter einen Hut zu
bringen suchen, kann man von Susanne Fröhlich als Mann (oder auch als Frau
mit anderen Lebenszielen) eine Menge lernen. Zum Beispiel, was passiert,
wenn eine ungewollte Schwarzfahrt mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln
wegen eines die Kontrolleure begleitenden Fernsehteams von RTL sich zu
einem persönlichen Supergau weitet. Oder was geschieht, wenn der
gutaussehende Stromableser Herr Barts ins Haus kommt. Triebhafteste
Frauenphantasien greifen dann Platz, die für den einen wie sexuelle
Belästigung am Arbeitsplatz (in diesem Fall des zweiten K, der Küche)
erscheinen mögen, anderen vielleicht wie eine Idee eines (männlichen)
Drehbuchautors in schmuddeligen Filmchen à la
Hausfrauenreport. Er riecht gut. Strotzt nur so vor
Testosteron, denkt sich in die teilfrustrierte Reihenhausheldin
Andrea Schnid. Was würde ich tun, wenn er mir jetzt von hinten an
meine empfindsamen Körperteile packen würde? Mich auf den Trockner werfen
und sich seine verdammt enge Levis runterstreifen? Natürlich
tut Herr Barts nichts dergleichen (ganz klar: Herr Barths ist
schwul). Und auch sonst tut sich wenig in Andrea Schnids Sexual- und
Eheleben. Ihr Mann ist mit seinem Beruf verheiratet, und zwei
selbstbewusste Kinder rauben der Hausfrau ohnehin das Ego. Also muss sich
etwas ändern in ihrem Leben. Wild und gefährlich wie auf den
Postkarten möchte Frau Schnid Leben. Alles soll morgen schon anders werden. Aber davor hat der
liebe Gott -- beziehungsweise die Autorin Susanne Fröhlich -- nicht nur
Schweiß, sondern auch allerlei kleine Alltagskatastrophen grestellt...
Keine Frage: Mit ihren Büchern hat Susanne Fröhlich bewiesen, dass sie auch
den Klischees über das Leben frustrierter Frauen noch Witziges abgewinnen
kann -- und das so glaubwürdig, dass man gern in ihrem eigenen Ehealltag
einmal Mäuschen spielen würde. Das war schon im Roman Frisch
gemacht! so, zu dem Familienpackung eine Art Fortsetzung
darstellt. Und auch hier fährt Fröhlich wieder zur Bestform auf. Da mag
man ihr als Leserin -- oder auch als Leser! -- manche Plattheit gern
verzeihen. --Isa Gerck
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Emmas Glück. Sonderausgabe. 4 CDs
Kennen Sie "Hessisch-Sibirien"? Die Gegend, wo man "wie ein russischer
Eisangler tiefe Löcher ins Packeis bohren (muss), um auf Gastfreundschaft,
Güte und Toleranz zu treffen"? Dort wohnt Emma und betreibt einen Bauernhof
mit Schweinen. Weil Emma anders ist als die stumpfen Dorfmenschen, weil sie
"ganz und gar daheim" ist in der fast zärtlichen Lebensgemeinschaft mit den
Schweinen und von nicht mehr als der "wunderbaren Wurst" lebt, ist sie der
Outlaw des Landstrichs: allein stehend, widerborstig, verschroben und kurz
vor dem Ruin. Da kommt die Plastiktüte mit Dollarnoten ganz gelegen,
die Emma in dem Ferrari findet, der eines Tages neben dem Misthaufen
liegen bleibt. Plötzlich hat Emma Geld und Verantwortung für einen
ernsthaften Mann, der sich bei dem Unfall mit dem gestohlenen Wagen
verletzt hat. Nicht länger muss sie die dunkle Geschichte ihrer Kindheit
und die Kunst des humanen Schlachtens für sich behalten. Und im Dorf
wundern sich alle, warum das Mofa nicht mehr knattert, mit dem Emma bisher
ihren erotischen Hunger stillte. Derbe, deftig und bisweilen sehr
skurril geht es zu in diesem Roman. Da wird geschlachtet, gekotzt,
geschissen. Da schaut auch mal der Hahn nach dem Rechten, und die Schweine
halten Gericht. Claudia Schreibers modernes Märchen ist irgendwo zwischen
dem Tiere-sind-die-besseren-Menschen-Idyll des gerechten Schweinchen
Babe und der Tragik antiker Selbstjustiz einzuordnen. Die freche
Fabulierlust der gebürtigen Nordhessin, die zuvor ein Sachbuch und einen
Roman unter dem Pseudonym Claudia Siebert veröffentlicht hat, konkurriert
mit dem Erzähltempo und -witz dieser Geschichte. An deren Ende Emma mit
einem Dilemma konfrontiert wird. Und weil Heinrich Heine "Dilemma" auf
"Emma" reimt und sein Motto dem Buch voran steht, verstehen wir die Lösung
des Konflikts als den Anfang von Emmas Glück, ein Happyend in
Schweinchenrosa. --Nikolaus Stemmer
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Russendisko
Als sich im Sommer 1990 die Ära Gorbatschow ihrem Ende zuneigt, Putin noch
lange nicht Präsident, sondern KGB-Schlapphut ist und Helmut Kohl nach dem
Mantel der Geschichte langt, beschließt der 23-jährige Moskauer Wladimir
Kaminer, sein Leben zu ändern. "Go west", lautet die Parole -- doch warum
in die Ferne schweifen, wenn das Ticket nach Ost-Berlin schlappe 96 Rubel
kostet und man kein Visum benötigt? So schlüpft Kaminer in den
himmelblauen Sonntagsanzug und setzt sich mit seinem Freund Mischa, einer
Stange russischer Zigaretten sowie einer Flasche Wodka der Marke
"Lebewohl" in den Zug. Do swidanija! Nur 48 Stunden später treffen die
beiden mit Brummschädel in Berlin-Lichtenberg ein: "Die ersten Berliner,
die wir kennen lernten, waren Zigeuner und Vietnamesen. Wir wurden schnell
Freunde." Die Tage im Plattenbau-Ausländerheim von Marzahn sind längst
vorbei. Heute gehört der DJ, Autor und Theatermann Wladimir Kaminer zu den
Szene-Stars des neuen Multi-Kulti-Berlin: Die "Berliner Seiten" der
FAZ drucken seine Texte ebenso gern wie die untergangsbedrohte
taz, beim SFB moderiert er eine eigene Sendung (Wladimirs
Welt). Im Kaffee Burger, das sich nach der Übernahme durch den
Prenzlauer-Berg-Poeten Bert Papenfuß zur kuschligen Party-Location
wandelte, zelebriert Kaminer einmal im Monat seine berüchtigte
"Russendisko" -- Völkerverständigung und proletarischer
Internationalismus, einst von Wladimir Iljitsch Lenin gepredigt, werden
auf der engen Tanzfläche geübt, dazu wirft ein Videobeamer alte
sowjetische Zeichentrick- und Kriegsfilme an die Blümchentapete.
Russendisko hat Kaminer auch seine erste Buchveröffentlichung
genannt: 50 Erzählungen aus einem Berliner Alltag, den die üblichen
Verdächtigen aus der "Paris Bar" nur vom Hörensagen kennen. Wer hier
überleben will, muss wandlungsfähig sein: Die Türken im Imbiss nebenan
erweisen sich als Bulgaren, den biederen Beamten vom Arbeitsamt trifft man
abends in der Schwulenbar -- und selbst die vietnamesischen
Zigarettenhändler sind nicht viel mehr als ein medial erzeugtes Klischee:
Sie kommen mehrheitlich aus der inneren Mongolei. Kaminers Helden haben
alle Hände voll zu tun, sich zwischen den Fallstricken des Asylrechts,
Liebeshändeln und obskuren Jobs durch den Großstadtdschungel zu hangeln.
Da ist der Slawistikstudent Sascha, der als Tellerwäscher im australischen
Krokodilsteakhaus jobbt; da ist der "Radiodoktor" aus der Ukraine, der den
Berliner Russen erklärt, was man gegen Pickel tun kann: "Die sagen
Clerasil, aber ich kann mich noch gut erinnern, Benzin tut es auch." Die
Damen vom russischen Telefonsex ("Mach deine Hose auf, wir nostalgieren
zusammen!") dürfen ebensowenig fehlen wie der namenlose Asylbewerber, der
sich, von der Polizei verfolgt, beim rettenden Sprung aus dem Fenster an
einem REP-Plakat ("Mut zur Wahl -- wähle national!") abseilt. Wer
Kaminer bei all dem für einen plumpen Possenreißer und Zyniker hält, hat
nichts begriffen. Der Mann kann nicht nur genau beobachten -- er liebt
sie, seine skurrilen Großstadtindianer, die wohl vom Leben gebeutelt, aber
nie ohne Hoffnung sind. Und, mal ehrlich: Wer, wie Kaminer, nicht nur
deutsch schreibt, sondern unsere komplizierte Sprache mit der sowjetischen
Fibel Deutsches Deutsch zum Selberlernen gepaukt hat -- der kann
kein schlechter Schriftsteller, ach was: Der kann kein schlechter Mensch
sein. Also: Kaufen Sie Kaminer! Und tun Sie, was ein russischer
Berlin-Reiseführer seinen Lesern als ultimativen Kick empfiehlt: "Hissen
Sie Ihre ganz persönliche Flagge auf dem neuen Reichstag -- Berlin erleben
und erobern!" --Niklas Feldtkamp
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Ereignisse. 2 CDs.
Kaum zu glauben, dass Obergrantler und Öffentlichkeitsverweigerer Thomas
Bernhard sich einst in ein Studio gesetzt und brav seine eigenen Texte
vorgetragen hat. Und was für eine Überraschung -- er macht das so gut,
dass man sie aus gar keinem anderen Mund mehr hören möchte. Erstaunlich
hell und jugendlich ist seine Stimme, mit kaum österreichischem Akzent,
und sie betont dezent, aber wirkungsvoll die spezielle Rhythmik und
Musikalität seiner Prosa. Obwohl die Aufnahmen teilweise aus den
60er-Jahren stammen, ist die Tonqualität bis auf eine Ausnahme ziemlich
gut. Ausgewählt und mit einem interessanten Begleittext versehen
wurden die Aufnahmen vom jungen Literaten Andreas Maier. Neben einem
kurzen Ausschnitt aus dem Roman Frost, mit dem Bernhard der
literarische Durchbruch gelang, gibt es die Erzählungen "Der Zimmerer" und
"Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?" zu hören. Unter dem Titel
"Ereignisse" zusammengefasst sind 15 Miniaturen, die in ihrer Knappheit an
Zeitungsmeldungen erinnern. Krönenden Abschluss des Hörbuchs bilden eine
Aufnahme von Bernhards Rede zur Verleihung des Büchner Preises 1970 und
die bisher unveröffentlichte Erzählung "Der Hutmacher" samt einem Gespräch
mit dem Autor über diesen Text. --Christian Stahl Autorenlesung,
Spieldauer ca. 126 Minuten, 2 CDs.
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Herr Lehmann, 4 Audio-CDs
Kreuzberger sind schon komische Vögel. Sie sitzen Abend für Abend am
Tresen, trinken Kristallweizen ohne Zitrone und gehen erst ins Bett, wenn
Mutti in Bremen schon wieder aufsteht. Und wenn draußen die Mauer fällt,
bestellen sie erst mal in Ruhe noch ein Bier. Denn was ist schon das Ende
der Geschichte (denkt sich der Leser am Ende dieser Geschichte) gegen die
Frage, ob die Zeit schneller oder langsamer vergeht, wenn man betrunken
ist? Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die
irgendwann einmal aus Schwaben, Achim oder Herford nach Berlin gekommen
und dort "hängen geblieben" sind. Herr Lehmann kommt ursprünglich aus
Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren
seine Freunde: denn bald ist Herrn Lehmanns dreißigster Geburtstag. Und 30
Jahre alt zu werden, weiß Herr Lehmann, ist Scheiße, weil man da langsam
"beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen
Scheiß." Und weil auf einmal alle anfangen zu fragen, was man denn bitte
schön anfangen wolle mit dem eigenen Leben. Denn dass jemand zufrieden
damit ist, Kellner zu sein, ist in dieser Stadt, in der alle "eigentlich
Künstler" sind, nicht vorgesehen -- "aber was ist das für ein trauriger
Umgang mit dem, was man tut, wenn man es immer nur als Zwischenlösung
ansieht, als nichts Richtiges?" Sven Regener kennt, wovon er schreibt.
Als Sänger und Texter der Berliner Band Element of Crime ist er seit genau
jenen Spätachtzigern, in denen die Romanhandlung spielt, immer auch
genauer Chronist eines Kreuzberger Lebensgefühls jenseits von "Kreuzberger
Nächte sind lang" gewesen. Mit Herr Lehmann ist ihm das erstaunliche
Kunststück gelungen, jene zärtlich-rotzige Nonchalance, die seine Lieder
auszeichnet, umstandslos in die lange Form zu überführen -- und das gleich
in seinem literarischen Erstlingswerk! Mit seinem Roman setzt Regener
jenem merkwürdig zeitlosen Kreuzberg der Vorwendezeit, das einem heute so
weit weg erscheinen will, so etwas wie ein Denkmal -- für die Zeit
Damals hinterm Mond. Doch trotz so schöner Einsichten wie "Der
Elekrolytmangel ist der größte Feind des Trinkers. Von der Dehydrierung
einmal abgesehen", geht es hier keineswegs nur ums Bohème-Leben im
Allgemeinen und ums Trinken im Besonderen. Das Ganze ist nämlich auch eine
Art Entwicklungsroman -- freilich zu Kreuzberger Bedingungen: Muss doch der
Held -- für den es anfangs noch eine Qual ist, wenn er auf dem Weg von
Kreuzberg nach Kreuzberg durch Neukölln muss -- gegen Ende des Romans
immerhin zur Kenntnis nehmen, dass es auch hinter der Oberbaumbrücke noch
Menschen gibt. Das Ende der Geschichte? Erst mal losgehen, denkt sich Herr
Lehmann. "Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben." Pflichtlektüre für
die Jahrgänge 1959-1969, für Kreuzberger sowieso. --Axel Henrici
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Für Nächte am offenen Fenster. 2 CDs. . Die prachtvollsten Texte von 1988 bis 2002
Als der ebenso renommierte wie wohlfeile Haffmans Verlag zu Grunde ging,
da weinte mancher Kollege bittere Krokodilstränen und mancher Leser
ehrlich. Gibt es denn nichts Gutes, was aus dem Desaster zu ziehen wäre?,
fragte sich mancher damals. Doch, gibt es, kann man sagen. Denn die
Kolumnen-Legende Max Goldt wechselte zu Rowohlt über. Und weil sie nicht
immer unbedingt Neues zu bieten hatte, gibt es nun eben ein Best Of in
neuer Verlagsumgebung. Was soll man sagen: Die prachtvollsten Texte
von 1988-2002 (so der Untertitel) sind wirklich das Wundervollste, was
Lesern passieren kann, die Goldts Bücher wie Die Radiotrinkerin,
Die Kugeln in unseren Köpfen, Quitten für die Menschen zwischen
Emden und Zittau, Schließ einfach die Augen und stell dir vor, ich
wäre Heinz Klunker oder Ä noch nicht im Bücherschrank haben. In
Für Nächte am offenen Fenster geht Goldt unter anderem der Frage
nach, ob Claudia Schiffers Schwester schwitzte, was es mit Herrn Eibuhms
Badezimmerradio im Besonderen (oder Brillenputztüchern im Allgemeinen) so
auf sich hat und warum auch Tote seine Füße filmen dürfen. Dabei werden in
bester Goldt-Manier Bezüge geschaffen, die man so nicht hätte erwarten
können (siehe das Kapitel "Zimt auf Samt"). Für Nächte am offenen
Fenster jedenfalls ist unbedingt etwas für Abende am offenen Kamin.
Oder für die gepflegte Lektüre auf geschlossenen Toiletten, sofern man
denn eine von Max Goldt so sehr geliebte "Kloumpuschelung" sein eigen
nennt. Treffsicher und "goldtrichtig" eben. --Stefan Kellerer
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